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- Kleist,
Heinrich von (1777-1811), deutscher Dramatiker und Erzähler,
geboren in Frankfurt an der Oder, gestorben bei Berlin. Vor
allem seine differenzierte Darstellung des Menschen im
Widerstreit von individuellem moralischen Empfinden und
gesellschaftlicher Norm hat seinen Ruf als einer der
bedeutendsten deutschen Dramatiker begründet. Kleist,
Spross eines preußischen Offiziersgeschlechts, diente
gemäß der Familientradition im Potsdamer
Garderegiment (1792-1799). Sein Abschied vom Militärdienst
und die schnelle Aufgabe des anschließend aufgenommenen
Studiums (Musik, Philosophie, Mathematik und
Staatswissenschaften) führten im Verein mit der
Problematisierung seines rationalistischen Weltbildes zu einer
ersten Lebenskrise. Sie markierten einen entscheidenden
Wendepunkt in seinem Dasein, das fortan von unruhigem
Oszillieren zwischen gegensätzlichen Polen geprägt
war: familiären Ansprüchen und persönlichen
Neigungen, dem Zwang zur Daseinsvorsorge und dem Wunsch nach
freiem Ausleben seiner poetischen Neigung, der Sehnsucht nach
Partnerschaft und einer aus Selbstzweifeln genährten
Bindungsunfähigkeit. Nachdem Kleist die von der Familie
gewünschte Anstellung im Staatsdienst ausgeschlagen hatte
(1801), geriet er auch beruflich und wirtschaftlich in
unsicheres Fahrwasser, und 1803 kam es auf einer seiner häufigen
Reisen zum psychischen Zusammenbruch. Auf seine seelische
Labilität wirkten fortan die Beziehungen zu Wilhelmine von
Zenge und seiner Stiefschwester Ulrike stabilisierend, ebenso
wie seine dichterische Betätigung, die bereits um 1800
einsetzte. Neben Begegnungen mit den Schweizer Schriftstellern
Heinrich Zschokke und Heinrich Gessner war es vor allem der
Aufenthalt bei Christoph Martin Wieland im Winter 1802/03, dem
Kleist literarische Anregungen verdankte. In recht rascher Folge
entstanden sein Erstlingsdrama Die Familie Schroffenstein
(1803), das Fragment Robert Guiskard sowie die Lustspiele
Amphytrion, ein Schauspiel nach Molière (1807) und Der
zerbrochene Krug (1807). Kleists Dresdner Jahre (1807-1809)
standen im Zeichen dichterischer Produktivität und
fruchtbarer literarischer Geselligkeit (Bekanntschaft u.a. mit
Gotthilf Heinrich Schubert und Ludwig Tieck). Mit August
Heinrich Müller gab Kleist 1808 die Zeitschrift Phoebus"
heraus, in der u.a. Auszüge der Dramen Penthesilea und Das
Käthchen von Heilbronn und der Erzählungen Die
Marquise von O
und Michael Kohlhaas erschienen. Sowohl Der
zerbrochene Krug als auch Penthesilea stießen jedoch auf
negative Resonanz bei Publikum und Kritik, und auch Kleists
Vorhaben nach seiner Rückkehr nach Berlin 1809 schlugen
sämtlich fehl, obwohl er die Unterstützung
einflussreicher Persönlichkeiten des kulturellen Lebens
gewann, wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Friedrich
Baron de La Motte-Fouqué. Diese repräsentierten
durchweg die patriotische Stoßrichtung der Berliner
Romantik, wie sie auch Kleists Drama Die Hermannsschlacht
(hg.1821) und die 1810 gegründeten Berliner Abendblätter
vertraten. Das Erscheinen dieser ersten Berliner Tageszeitung
musste der Herausgeber bereits im Folgejahr aufgrund
wirtschaftlicher Schwierigkeiten wieder einstellen. Immerhin
schuf Kleist damit ein Forum für seine essayistische und
literarische Produktion: Außer einer Reihe von Erzählungen
findet sich hier sein Epoche machender Aufsatz Über das
Marionettentheater. Als indessen die Bemühungen des
Dichters um die Aufführung des Dramas Prinz Friedrich von
Homburg (vollendet 1809) ebenfalls scheiterten, fasste er,
isoliert von Familie und literarisch-politischer Öffentlichkeit,
den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er erschoss
sich am Morgen des 21.November 1811 am Ufer des Kleinen
Wannsees, zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel. Die für
Kleists Leben charakteristische Konstellation von komplexer
Persönlichkeit und widrigen Schicksalsmächten wird
weithin in seinem literarischen Werk reflektiert, häufig im
Gewand juristischer Konflikte (Michael Kohlhaas, Prinz Friedrich
von Homburg). Das Spannungsverhältnis von Ich und Welt ist
vor allem in den Erzählungen mit einer psychologischen
Raffinesse ausgebreitet, die neue Maßstäbe in der
deutschsprachigen Erzählkunst gesetzt hat und aufgrund
ihrer Modernität für das Unverständnis der
Zeitgenossen zumindest mitverantwortlich war. Erst drei
Generationen später ist Kleists wegweisendes Schaffen
gewürdigt worden, und einer der angesehensten deutschen
Literaturpreise ist nach ihm benannt. Träger des 1935
eingerichteten Kleist-Preises waren u.a. Bertolt Brecht (1922),
Robert Musil (1923), Ödön von Horváth (1931)
und Alexander Kluge (1985). Seine Novelle Die Marquise von O
wurde 1975 von E.Rohmer und 1989 von H.J.Syberberg verfilmt.
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Verfasst
von: Joachim Nagel
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