900. Geburtstag der heiligen Hildegard von Bingen

Entwurf:
Carl Vezerfi-Clemm

Daten:
1998 A, D ,F,G,J, Ag 925, 15,5gr, 32,5mm
Anmerkungen:
Begleitzettel der Bundesschuldenverwaltung
Sr.Philippa Rath OSB
Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als eine der bedeutendsten Frauengestalten des Mittelalters. Und auch heute ist sie weit über die Grenzen ihrer rheinischen Heimat hinaus bekannt. Wer war diese Frau, die ihre Zeit entscheidend mitgeprägt hat und heute, 900 Jahre später, wieder so viele nach Orientierung suchende Menschen derartig in ihren Bann zieht?

Hildegard wurde im Jahr 1098 in Bermersheim bei Alzey geboren. Schon im jugendlichen Alter kam sie in die Obhut Jutta von Sponheims, die eine kleine Frauengemeinschaft leitete, die dem Benediktinerkloster Disibodenberg angeschlossen war. Hier wurde sie im Geist der Regeln des hl. Benedikt erzogen und erhielt eine profunde Bildung. Bibel, Liturgie und die Lektüre der Kirchenväter wurden zu den Quellen, aus denen später ihr umfangreiches Werk schöpfte. Nach dem Tod Juttas übernahm Hildegard 1136 die Leitung der Frauengemeinschaft. Noch auf dem Disibodenberg begann sie 1141 mit der Niederschrift ihres bekanntesten Werkes "Scivias-Wisse die Wege". Hildegards Werk trägt stark prophetische Züge. Sie wollte die Menschen ihrer Zeit aufrütteln und der allgemeinen Gott-Vergessenheit entgegentreten. Dabei predigte sie keineswegs eine weltlose Innerlichkeit. Ihr ging es um die religiöse Deutung des gesamten Universums, um ein konsequent gelebtes christliches Leben - auch, ja gerade gegen den Trend ihrer Zeit. Beeindruckend und für viele heute wieder so faszinierend an Hildegards Werk ist vor allem die ganzheitliche Schau von Gott, Welt und Mensch, in der Himmel und Erde, Glaube und Kosmos, Heils- und Heilkunde untrennbar miteinander verbunden sind. Hildegard erweist sich dabei sowohl als souveräne Theologin und sachkundige Naturbeobachterin, wie auch als Dramaturgin, Dichterin und Komponistin.

Im Jahr 1150 zog Hildegard mit 20 Nonnen in das von ihr selbst errichtete Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Hier, am Knotenpunkt vieler mittelalterlicher Verkehrswege, trat sie in immer stärkerem Maße auf die Bühne der kirchlichen und politischen Öffentlichkeit. Sie wurde zur Ratgeberin vieler Persönlichkeiten, unternahm Reisen und hielt auf Plätzen und vor Domen öffentliche Predigten und Mahnreden. Bleibenden Ausdruck verlieh sie ihrem prophetischen Anliegen in ihren Briefen, von denen 390 überliefert sind. Es sind Zeugnisse unerschrockener Direktheit, radikaler Ehrlichkeit, humorvoller Weitherzigkeit und weitgehenden persönlichen Engagements. Die Vielseitigkeit Hildegards läßt auch 900 Jahre später noch staunen. Dabei blieb sie immer vor allem Äbtissin, geistliche Mutter und Wegbegleiterin ihrer Schwestern, die sich ihr in Scharen anschlossen. 1165 gründete sie jenseits des Rheins, in Eibingen oberhalb von Rüdesheim, ein zweites Kloster, in dessen Kirche der heutigen Pfarr- und Wallfahrtskirche bis heute ihre Reliquien verehrt werden.

Hildegard von Bingen galt als anerkannte Autorität ihrer Zeit. Sie war oftmals unbequem und ist gerade darin heute wieder verblüffend aktuell ein Stachel im Fleisch von Kirche und Welt. Sie starb am 17. September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen; ihr geistiges Erbe verwalten heute die 60 Benediktinerinnen der im Jahre l904 neu errichteten Abtei St. Hildegard oberhalb des alten Klosters Eibingen.