- Als
Johann Sebastian Bach als Fünfundsechzigjähriger am
28. Juli 1750 in Leipzig verstarb, kam das Leben einer
ungewöhnlichen Persönlichkeit zur Vollendung.
Ungewöhnlich deshalb, weil mit Bach sich wesentliche
Zäsuren und Beurteilungen deutscher Musikgeschichte
verbinden; ungewohnlich deshalb, weil an Bach his heute niemand
vorbeikommt, der Musik liebt oder selbst musiziert. Europäische
Kultur verbindet sich weltweil mit einigen wenigen Namen, zu
denen Bach unzweifelhaft gehört. Verbunden mit dem
lutherischen Kirchentum und Glauben vermag Bach, wie kaum ein
anderer, weltanschaulich-kulturelle Grenzen zu überschreiten
und unterschiedliche religiöse Prägungen miteinander
zu verbinden, ohne in diffusem Synkretismus aufzugehen.
-
-
Am 21.
März 1685 in Eisenach als jüngster Sohn des
Stadtpfeifers Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Elisabeth,
geh. Lämmerhirt, geboren, reichen Bachs Lebenswege kaum
über den mitteldeutschen Raum hinaus. Die weitesten von ihm
zurückgelegten Entfernungen sind die nach Norden: als
Metten-Chorschüler zu St. Michaelis in Lnehurg (1700
- 1702), besuchsweise etwa 4 Monate in Lübeck (1705 / 1706)
bei D. Buxtehude, ebenso in Hamburg, dorthin eventuell von
Lüneburg und später -1720 nach dem Tod seiner Frau
Maria Barhara - von Köthen aus. ln südlicher Richtung
reiste er in Begleitung seines Köthener Fürsten
mehrfach zur Kur nach Karlsbad. In westlicher Richtung kam er
1732 wegen einer Orgelprüfung bis Kassel; nach Osten nur
bis Dresden. Die Lebensorte der Kindheit und Schulzeit sind bis
1695 Eisenach, nach dem Tod der Eltern Ohrdruf, wo er bis Anfang
des Jahres 1700 das Lyceum besuchte und bei seinem 14 Jahre
älteren Bruder wohnte; dann folgt die Lüneburger Zeit,
auf der Particularschule. Eine Universität hat Bach nie
besucht, doch konnte er in Lüneburg universitätsgleiche
Studien betreiben.
-
Nach
erfolgloser Bewerbung um die Organistenstelle in Sangerhausen
finden wir ihn für wenige Monate als Lakai und
Kammermusikus am Hof zu Weimar; die von ihm geprüfte
Wender-Orgel der Neuen Kirche zu Arnstadt verschafft ihm eine
Berufung auf diese Stelle, von August 1703 an. Vier Jahre später
wählt man ihn zum Organisten der Blasiuskirche in der
Freien Reichsstadt Mülhausen. Nach einem Jahr strebt er
hereits wieder fort; Verdrießichkeiten nennt er als Grund,
die ihn nicht zum Ziel kommen lassen, eine "regulirte
kirchen music zu Gottes Ehren und nach dem Willen seiner
Auftraggeber zu begründen. Seit 1708 Hoforganist in Weimar,
avanciert er im März 1714 zum Konzertmeister mit der
Aufgabe, jeden Monat für den Hofgottesdienst eine Kantate
zu komponieren und aufzuführen. Bedeutung kommt der
Zusammenarbeit mit dem Weimarer Dichter und
Oberkonsistorialsekretär Salomon Franck zu. Bachs Empfinden
fügt sich in hohem Maße zu den Dichtungen dieses
theologisch und poetisch versierten Zeitgenossen.
-
-
Sein
Abschied von Weimar vollzog sich dramatisch: Weil er seine
Entlassung erzwingen wollte, arretiert man ihn kurzerhand für
vier Wochen. Von den Jahren als fürstlicher Kapellmeister
in Köthen bekennt er später einmal, dort einst seine
Lebenszeit beschließen zu wollen, wohl weil er ganz seinen
musikalischen Neigungen leben konnte und durch den Fürsten
Förderung erfuhr. Nach mehrfacher Bemühung des
Leipziger Rates, einen geeigneten Nachfolger für den
verstorbenen Thomaskantor Kuhnau unter den damals bekannten
Namen zu finden, verfällt man auf Bach. Er nimmt die Wahl
nach Probemusik und theologischer Prüfung an und bezieht im
Mai 1723 mit seiner damals achtköpfigen Familie -
eineinhalb Jahre zuvor hatte er Anna Magdalena geheiratet das
Schulgebäude am Thomaskirchhof. Für 60 Termine, d. h.
für jeden Sonn- und Festtag des Kirchenjahres (ohne
Passions- und Adventszeit), müht er sich fünf Jahre
lang neue Kantaten zu schreiben. Die Lehrtätigkeit in der
Schule gibt er gegen ein Entgelt an einen seiner Kollegen ab;
Aufsicht und natürlich alle musikalischen Pflichten bleiben
bei ihm, dazu hohe logistische Anforderungen: Textauswahl,
Planung, Komposition, Ausschreiben der Stimmen und
aufführungspraktische Einrichtung der Kantaten,
Vorbereitung von 10 gedruckten Textheften pro Jahr, regelmäßige
Proben mit Chor und Instrumentalensemble: Prüfungen von neu
aufzunehmenden Alumnen, Stadtpfeifern und Kunstgeigern,
Organisten und Altaristen, dazu die wöchentlich zu
leistenden gottesdienstlich- organisatorischen Aufgaben,
musikalische Präsenz bei Trauungen und Beerdigungen;
außerdem die außeramtlichen Tätigkeiten:
Orgelprüfungen, Huldigungsmusiken, Konzerte. Daß er
nur zwischen 1723 und 1728 regelmäßig Kirchenkantaten
komponierte, hat zu dem folgenschweren Fehlschluß geführt,
er habe zu dem Kirchenamt keine Herzensbeziehung gehabt (F.
Blume). U.a. die aus Bachs Besitz wiederaufgetauchte Calov-Bibel
beweist durch Eintragungen das Gegenteil.
-
Zum
Zeitpunkt seines Todes war Bach berühmt als Organist und
Virtuose, doch nicht so sehr wegen des hinterlassenen
kompositorischen Reichtums -Orgel- und Instrumentalwerke,
Motetten, Passionen, Weihnachtsoratorium, Kunst der Fuge,
Musikalisches Opfer, h-Moll-Messe und besonders der erhaltenen
knapp 200 Kirchenkantaten, die erst heute wirklich bekannt
werden. Doch Bachs Werk war nie wirklich vergessen, wie
gelegentlich zu hören; dem Wirken F. Mendelssohn Bartholdys
und der Bachgesellschaft von 1850 kommt herausragende Bedeutung
für die Bachpflege zu. Dem schließt sich die 1900
gegründete Neue Bachgesellschaft als Impulsgeberin
bedeutsamer Initiativen des 20. Jahrhunderts an.
-
Professor
Dr. Martin Petzoidt
|